Tour de Suisse Challenge oder eine Einschätzung des aktuellen Zustands meiner Beine

Wie kann man nur so verrückt sein, im Alter und mit nicht mehr sehr vielen Velokilometern in den Beinen, an einem Wochenende zwei Radrennen und dann noch auf der Strasse zu bestreiten. Die Frage lautet, wie viel Schmerz die Beine noch verkraften oder wieviel sie noch hergeben. Mein Tapering im Vorfeld von diesem Wochenende war mit Bestimmtheit genug lang getimt.

Zeitfahren, 1. Etappe, Samstag, 15. Juni (9.5 km, 58 hm)

So stand ich also am Samstag um 09.48 Uhr auf der Startrampe in Langnau i.E., vor mir die Strecke des Prologs mehr oder weniger flach mit etwas Wind. Die Kette auf dem grossen Blatt und los gings, 700 Watt zeigt später der Wattmesser beim Starten an, also eine Geschwindigkeit, die durch die maximal denkbare Anwendung von «Beiss verflucht nochmal auf die Zähne» erreicht wird. Dies erforderte Gankörper-Einsatz im Sinne von «Fahr ab wie ein Profi» oder «das Zutrauen beim Kurvenfahren wächst mit den Jahren und der Erfahrung».
Nach der Halbzeit in Zollbrück und drei scharfen Kurven ging es mit Puls am Halszäpfchen und brennenden Beinen zurück nach Langnau. Die Flamme Rouge und die überdimensionierten Tafeln, die einem so schön den Abstand zum Ziel angeben, liessen mich jederzeit wissen, wie weit ich noch zu leiden hatte. Nach 16 Minuten und 36 Sekunden kreuzte ich die Ziellinie. Mit einem Regenerationsgetränk, einem langen Ausfahren, einem Power-Nap und einer ordentlichen Portion Pasta füllte ich meine Energiespeicher für die nächste Etappe wieder auf.

 

2. Etappe, Sonntag, 16. Juni (80.6 km, 994 hm)

Der Startblock B war unsere Einreihposition am Sonntagmorgen, vor uns lagen zwei Runden rund um Langnau mit dem Bergpreis von Röthenburg i.E. hinauf zum Chuderhüsi, welcher zur zweiten Kategorie gehört und ziemlich steil sei. Nach der Startphase durch das Village von Langnau, ging dann Ausgang des Dorfes die Post ab und es wurde gefahren als gäbe es kein Morgen. Ich konnte mich gut einreihen und fand im Feld Unterschlupf bis zu einem Crash, wo ich zwar nicht beteiligt war, aber ziemlich scharf abbremsen musste und sich danach die Spreu vom Weizen trennte. Meine Beine hatten nicht die Power die Lücke zu schliessen, der Kopf zeigte Alarmsignale und der Puls drehte im dunkelroten Bereich. So gruppierte sich eine kleine, aber feine Gruppe hinter dem Feld und wir harmonierten prächtig, bis hin zur ersten Bergpassage hinauf zum Chuderhüsi. Ich versuchte einen guten Tritt zu finden um die Steilwand zu überstehen. 18% ist ziemlich steil und anstrengend, vor allem dann, wenn man die Abfahrt nach dem Motto «Abfahrten dienen nicht der Erholung» runterfahren will. Ich konnte aber wunderbar wieder zu meiner Männergruppe aufschliessen, die auch etwas grösser wurde und wir somit mit einem guten Tempo auf die zweite Runde gingen. «All-Out» hatte ich mir vorgenommen beim zweiten Mal hinauf zum Chuderhüsi, das gipfelte dann in einem Zickzackfahren auf den letzten 200 Metern. Die Abfahrt ging wieder ziemlich flüssig und der Schlussteil mehr oder weniger auch. Da mit Sarah auch noch eine Frau in unserer Gruppe war, wollte ich auf dem letzten Kilometer nochmals alles aus meinen Beinen pressen, denn «Gesprintet wird im Unterlenkergriff». Das gelang anfangs ganz gut, bis die Krampfhexe kurz vor der Ziellinie zuschlug. Auf die Frage was die Beine noch verkraften bekam ich 25 Meter vor dem Ziel postwendend DIE Antwort.

Der dritte Rang in der Kategorie und über die beiden Tage rundete das interessante Wochenende ab.

Tour de Suisse Challenge 2019